Jahresempfang des Kirchenkreises in Lamberti

Nachricht Aurich, 27. Juni 2019

Balance als überlebenswichtiges Grundprinzip

Gastredner Ernst Ulrich von Weizsäcker überzeugte mit eindeutigen Aussagen

Prof. Dr. Ernst-Ulrich von Weizsäcker ist ein Mann klarer Worte. „Unsere Zivilisation ist krank“, sagte er in einem Interview mit der Fachzeitschrift „Wirtschaftsführer“ und forderte „Balance zwischen Mensch und Natur, zwischen Kurzfrist und Langfrist, zwischen öffentlichen und privaten Gütern“. Auch während des Jahresempfangs des Kirchenkreises Aurich in der Lambertikirche am Mittwochabend (26. Juni) bezog von Weizsäcker deutlich Stellung. In seinem Vortrag „Wir sind dran: Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen“ mahnte er, der Natur eine Überlebenschance zu geben. Es gelte, die ökologischen Grenzen des Wachstums zu respektieren. „Wir sind an der Reihe, etwas zu ändern“, betonte von Weizsäcker.

Superintendent Tido Janssen begrüßte zum Jahresempfang des Kirchenkreises 520 Personen in der Lambertikirche und führte in das Vortragsthema ein. „Noch nie“, sagte Janssen, „haben Menschen so massiv in die Schöpfung eingegriffen wie wir es tun.“ Es sei nicht übertrieben zu sagen, dass es ums Überleben gehe. Janssen begrüßte von Weizsäcker, der einen Tag zuvor am 25. Juni seinen 80. Geburtstag gefeiert hatte, als einen Zeitgenossen, der „einen inneren Auftrag spürt“.

Was von Weizsäcker auch mit 80 Jahren noch unermüdlich antreibt, ist die Sorge um das gemeinsame Haus, das wir bewohnen. Er sprach während seines Vortrages von einer Riesenkatastrophe, die im Gang sei, und schloss, weil das sich verändernde Klima für wärmere Meere und ansteigende Wasserspiegel sorgt, eine neue Sintflut, von der Milliarden von Menschen betroffen seien, nicht aus. „Wir brauchen eine neue Aufklärung“, forderte von Weizsäcker und erklärte die Balance zum überlebenswichtigen Grundprinzip. Ein radikales Umdenken ist für von Weizsäcker die Basis, auf der die Welt geheilt werden kann.

Noch werde aber an alten Strategien und Rezepten fast schon verzweifelt festgehalten. „Wir sind nicht bereit, die Krankheit zu akzeptieren und verlassen uns auf Therapien, die die Krankheit schlimmer machen“, sagte von Weizsäcker und nahm vor allem die Politik in die Pflicht. Sie beruhige mit bequemen Lügen statt unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Dabei sei der notwendige gesellschaftliche Wandel der derzeit wohl wichtigste Auftrag an die Politik. Ein billiger Appell an Einzelne und Familien, nicht mehr in den Urlaub nach Mallorca zu fliegen oder fleischlos zu essen, reiche nicht aus.

Es sei unumgänglich, Energie und Mineralien zu verteuern. Das müsse aber sozialverträglich geschehen. Von Weizsäcker forderte auch ein härteres Durchgreifen der Politik gegenüber den Kapitalmärkten. Er sprach sich für Sanktionen gegen Steueroasen aus, für eine Digitalsteuer und für internationale Allianzen gegen Kapitalgauner. Die industrielle Landwirtschaft bezeichnete er als den „größten Gegner der Natur“.

Von Weizsäcker blickte zurück auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als eine explosive Entwicklung der Ökonomie einsetzte, in Deutschland auch als Wirtschaftswunder bekannt. Mit dem Sieg des Kapitalismus über den Kommunismus gegen Ende der 1980er Jahre hätten die Finanzmärkte die Macht übernommen. Kapital in Milliardenhöhe umkreise den Globus mittlerweile in Millisekunden, gesteuert allein von Algorithmen. Von Weizsäcker forderte, die „Diktatur der Finanzmärkte“ zu brechen, sie zu kontrollieren. Der Staat müsse sich wieder verantwortlich zeigen und unsere Demokratie zurück zu alter Stärke führen. „Es darf nicht sein, dass immer nur der Schnellste und Billigste gewinnt.“

Schon seit den frühen 1990er Jahren entwickelt von Weizsäcker, Neffe des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Ideen für eine zukunftsfähige und ressourcenschonende Wirtschaft, die nicht nur auf gnadenlosem Wettbewerb, ständigem Wachstum und kurzfristigem Gewinnstreben beruht. Seit 1991 ist von Weizsäcker Mitglied des Club of Rome, ein gemeinwohlorientierter Zusammenschluss von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen aus mehr als 30 Ländern, der sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit einsetzt und dafür die großen Megatrends studiert. In der Lambertikirche sprach von Weizsäcker, der von 1998 bis 2005 für die SPD im Bundestag saß, als Ehrenpräsident des Club of Rome.

Nach dem offiziellen Teil, als Superintendent Janssen und der Kirchenkreistagsvorsitzende Dieter Emler als Gastgeber das Büfett eröffnet hatten, wurde von Weizsäcker von Besuchern umlagert. Viele suchten das Gespräch mit ihm, baten um Autogramme und Selfies, drückten ihre große Dankbarkeit aus, nahmen ihn sogar liebevoll in den Arm. Später, nach einem Fotoshooting, stand von Weizsäcker bequem am Ihlower Altar gelehnt und sinnierte über den Niedergang seiner SPD, die sich komplett neu erfinden müsse, über die Gelbwesten in Frankreich, die von Egoismus getrieben seien, über die Friday-for-Future-Bewegung, die er lobte, weil sie langfristige Ziele verfolge, und kam schließlich noch einmal auf die Balance zu sprechen. Sein Traum ist eine Zivilisation der Balance, der Balance zwischen Mensch und Natur, zwischen Staat und Markt, zwischen Gerechtigkeit und Leistungsanreiz, zwischen Innovation und Bewährtem. So sei es möglich, die Artenvielfalt zu erhalten, das Klima und die Meere zu schützen. So habe die Menschheit eine Zukunft.

Superintendent Janssen drückte es so aus: „Diese Welt, in der wir leben, ist schön, ist ein Geschenk des Himmels. Wir wollen dazu beitragen, dass es so bleibt.“ gaw

KK-Jahresempfang_02
Nach dem offiziellen Teil war Zeit für einen Imbiss und viele Gespräche.